DURCHGECHECKT – Von Frau zu Frau: Nicole Hertrich (DEB-Schiedsrichterin)

Kathrin_klein  | Kathrin Wolf |

Sie war Deutscher Meister mit dem EC Bergkamen, war Mitglied der deutschen Frauennationalmannschaft im Eishockey. Jetzt steht Nicole Hertrich auf der anderen Seite und ist derzeit die einzige Frau, die als Hauptschiedsrichter Spiele in der DEL2 leiten darf. Wir haben uns mit ihr unterhalten.

 

 

Foto: Dirk Hausmann
Foto: Dirk Hausmann

Im Internet findet man nur wenige Informationen zu Ihrer Karriere. Warum war es denn ausgerechnet  Eishockey?

Meine Eltern sind in Iserlohn als Fans regelmäßig zu den Spielen gegangen. Zu der Zeit war ich etwa 13 Jahre und irgendwann bin ich mal mitgegangen. Da der Sport mich gleich fasziniert hat, wurden die Besuche im Stadion immer öfter. Bei einem Heimspiel gab es dann in der Drittelpause eine Durchsage, dass die Frauenmannschaft von Iserlohn Nachwuchs oder interessierte Mädchen sucht, die schon ein bisschen Schlittschuhlaufen konnten und einfach mal beim Probetraining vorbeikommen wollten. So hat das dann alles seinen Lauf genommen. Ich bin dahingegangen und es hat mir von Anfang an viel Spaß gemacht. Ja und von da ab mussten mich meine Eltern jede Woche zum Training bringen. Danach bin ich halt dabeigeblieben. Ich habe also bei Iserlohn angefangen und bin dann ziemlich schnell nach Bergkamen in die erste Bundesliga gewechselt.

Was waren Sie denn für ein Spielertyp?

Na ja, ich war eher der Rüpel, der der ständig auf der Strafbank saß. Das ist eigentlich ganz witzig, weil ich ja jetzt auf der anderen Seite die vom Eis schicke, die sich nicht an die Regeln halten (lacht) und das obwohl ich früher als Spielerin nicht besser war.

Wie sind Sie dann dazu gekommen Schiedsrichter zu werden? Hätte sich nicht auch eine Trainerlaufbahn angeboten?

Das kam eigentlich durch eine Freundin mit der ich früher auch schon zusammengespielt hatte. Sie war schon seit drei Jahre Schiedsrichter und fragte mich, ob ich nicht auch Lust hätte. Erst mal habe ich natürlich Nein gesagt. Aber sie meinte, ich solle es erst mal ausprobieren und ich könnte ja jederzeit wieder damit aufhören. Erstaunlicherweise hat es mir aber von Anfang an Spaß gemacht. Ich hatte zu dem Zeitpunkt glaube ich 16 Jahre gespielt und auch einfach nach einer neuen Herausforderung gesucht. Also habe ich es versucht und bin schlussendlich auch dabeigeblieben. Eine Trainerausbildung stand für mich eigentlich nie zur Debatte. Im Nachhinein war es auch nicht die schlechteste Entscheidung.

Wie fühlt es sich an plötzlich auf der anderen Seite zu stehen?

Am Anfang war das schon komisch, aber man fängt ja ganz klein an. Mein erstes Spiel war ein Knabenspiel. Da musste man schon gucken. Aber das Tempo war nicht so hoch und man hat ja ganz andere Aufgaben. Man merkt auch auf einmal, dass man von vielen Regeln vorher nicht viel wusste, wenn man erstmal in die Situation kommt, Regeln anzuwenden und auszuführen. Ansonsten hat es aber von Anfang an viel Spaß gemacht.

Foto: Dirk Hausmann
Foto: Dirk Hausmann

Versucht man dann vielleicht auch das besser zu machen worüber man sich früher als Spieler besonders aufgeregt hat?

Ich hatte mich damals, vielleicht auch weil ich relativ jung war, mit den Regeln gar nicht richtig auseinander gesetzt. Immer wenn der Schiedsrichter gegen mich entschieden hat war das halt falsch und ich hatte Recht. Das kam dann wirklich erst mit der Schiedsrichterei, weil man sich da mit den Regeln auseinandersetzen musste. Da musste man, aber vorher kannte ich viele Regeln noch gar nicht.

Sie sind bisher die einzige Frau, die höherklassig pfeift. In der 2. Bundesliga ist mir nur noch eine Linienrichterin bekannt. Sehen Sie sich als eine Art Vorreiterin?

Ich bin ja jetzt auch noch nicht so lange in der zweiten Bundesliga, das ist jetzt meine dritte Saison und die andere Schiedsrichterin, die momentan auf der Linie ist, ist auch erst seit kurzer Zeit dabei. Es freut mich natürlich sehr, dass jetzt Verstärkung kommt. Warum sollte man den Mädels, wenn sie es von der Leistung und auch von der Schnelligkeit her schaffen und sich auch schon in den unteren Ligen etabliert haben, dann nicht auch die Möglichkeit bieten in der zweiten Liga zu pfeifen. Deswegen bin ich auch sehr froh, dass da noch jemand nachkommt und man nicht ganz allein auf weiter Flur ist. Es ist natürlich auch für einen selber von Vorteil: man ist dann nicht so eine Sensation, wenn man in ein Stadion kommt und zwei Wochen vorher war schon mal die andere Kollegin da.

Hat man es als Frau besonders schwer in so einer Männerdomäne Fuß zu fassen oder steht man unter besonderer Beobachtung?

Es ist immer dann etwas anderes, wenn man in eine Liga vordringt, in der sonst keine Frauen pfeifen. Bei uns in der Oberliga West ist es schon seit Jahren so, dass immer mehr Frauen dazu gekommen sind. Dadurch wurde es immer „normaler“. Wie ich eben schon sagte, ist man dort dann nicht mehr sowas Besonderes. Wenn man aber das erste Mal in die DEL 2 kommt, wird man schon mit anderen Augen angeschaut. Da sind alle erstmal skeptisch: Warum kommt da jetzt eine Frau? Das hatten wir ja noch nie. Das kann doch alles gar nicht sein, dass geht doch viel zu schnell. Wenn dann aber beim ersten Spiel alles gut gelaufen ist und man zum zweiten Spiel kommt, wird man dann schon begrüßt und wird wiedererkannt. Von Spiel zu Spiel wird das dann immer normaler, dass jetzt eine Frau kommt. Kommt man aber am Ende der Saison in ein Stadion, wo noch nie eine Frau gepfiffen hat, ist man sofort wieder was Besonderes, Außergewöhnliches. Aber im Nachwuchs ist es zur Normalität geworden, dass Frauen pfeifen, da wird es in den höheren Ligen auch irgendwann so ein.

Treffen Sie Beschimpfungen von den Fans persönlich?

Persönlich nehm ich es nicht, ich versuche auch, nicht unbedingt darauf zu hören. Sie meinen ja in erster Linie den Schiedsrichter an sich, weil sie ja mit der Entscheidung des Schiedsrichters nicht einverstanden sind. Jeder männliche Kollege würde ebenso beschimpft werden. Vielleicht nicht mit derselben Wortwahl.

Wie gelingt es Ihnen im Spiel, beruhigend auf Trainer oder Spieler in etwas aufgeheizten Situationen einzuwirken?

Ja, wie gelingt mir das…Ich bin eigentlich immer sehr ruhig auf dem Eis und versuche auch meine Entscheidungen ruhig rüber zu bringen, aber auch, Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Ich bleibe nicht vor einem bestraften Spieler, der eh schon aufgebracht ist, stehen und provoziere ihn dadurch zusätzlich. Meistens gelingt mir das mit meiner Art und Weise, wie ich mich auf dem Eis gebe, ganz gut. Und wenn eben ein Spieler doch meint, komplett auszuticken, dann muss er sich halt mal zehn Minuten auf der Strafbank beruhigen. Das passiert mir aber Gott sei Dank relativ selten.

Hätte Sie ein Problem damit, sich in eine Schlägerei hinein zu werfen?

Grundsätzlich hätte ich kein Problem damit. Aber als HSR muss ich das ja nicht, das ist die Aufgabe der Linienrichter. Da müssten Sie eher meine Kollegin fragen, wie sie damit umgeht. Wobei ich von ihr gehört habe, dass man die beteiligten Spieler doch eher auseinanderbringen kann, wenn man als Frau dazwischen geht.

Man hat ja als Zuschauer das Gefühl, dass jeder Schiedsrichter eine andere Linie pfeift. Welche verfolgen Sie?

Wir haben eine Linie vorgegeben, die wir pfeifen sollen. Man muss sehen, wie läuft das Spiel; was kann das Spiel vertragen; wo muss ich aufpassen, dass es nicht in die falsche Richtung läuft; wie viel Aggressionspotential ist in dem Spiel. Von einer eigenen Linie kann man so nicht sprechen. Wie ich pfeife, ist immer dem Spiel angepasst.

Ein Spiel basiert ja auf Tatsachenentscheidungen. Denkt man trotzdem hinterher darüber nach, was man hätte vielleicht anders entscheiden sollen? Oder muss man das nach dem Spiel ablegen?

Ich versuche immer, spätestens wenn ich zu Hause bin, das Spiel abgearbeitet zu haben. Klar unterhalten wir uns in der Kabine über Entscheidungen. Man ist ja als Schiedsrichter auch immer an seine Position und an den daraus resultierenden Blickwinkel gebunden. Wenn sich dann heraus stellt, dass man in der betreffenden Situation anders hätte pfeifen können, beschäftigt mich das schon. Mein Ziel ist es ja, so fehlerfrei wie möglich zu pfeifen. Da arbeite ich schon an mir, was hätte ich wie besser machen können. Wir bekommen auch in der DEL2 von jedem Spiel eine CD, wo ich mir auch Szenen, in denen ich nicht mit mir zufrieden war, noch einmal anschauen kann. Es ist auch für mich ein ständiger Lernprozess. Aber Fehler zu einhundert Prozent zu vermeiden, wird nicht möglich sein.

Gibt es eine Liga, in der Sie besonders gern pfeifen?

Ich pfeife sehr gern in der Deutschen Nachwuchsliga DNL. Die Spiele dort find ich vom Tempo, von der Qualität und von der Disziplin her sehr angenehm. E stehen Trainer an der Bande, die sehr gut ausgebildet sind. Die Jungs wollen spielen. Es sind zwar harte, aber schöne Spiele. Ich pfeife aber auch gern in der DEL2, das ist ja die höchste Liga, in der ich Spiele leiten darf.

Sie wurden als HSR auch bereits für Weltmeisterschaften und für die Olympischen Spiele nominiert. Macht das noch einmal besonders stolz?

Das Highlight während der Saison ist die DEL2, das macht mich schon stolz, weil ich bislang die einzige Frau bin, die hier als HSR pfeifen darf. Aber Weltmeisterschaften und dann gerade die Olympischen Spiele sind noch einmal etwas ganz besonderes. Olympia ist das Ziel eines jeden Sportlers. In dem Fall bezeichne ich uns auch als Sportler, weil wir aktiv am Spiel teilnehmen und auch hart dafür arbeiten müssen, um zum Beispiel konditionell mitzuhalten. Die olympischen Spiele sind das Größte und daran teilzunehmen macht mich sehr stolz.

Foto: Dirk Hausmann
Foto: Dirk Hausmann

Wie halten Sie sich denn konditionell fit?

Zum einen durch die Spiele selber, zwei oder drei Spiele am Wochenende ist ja nicht wenig. Zum anderen gehe ich viel laufen. Und ich habe ein kleines Fitnessstudio im Keller. Gerade im Sommer muss man an sich arbeiten. Da werden auch bei  mir die Grundlagen für den Winter gelegt.

Wie schafft man das, Familie, Beruf und Eishockey unter einen Hut zu bringen?

Es ist schon nicht so einfach. Gerade am Wochenende geht viel Zeit drauf. Man muss halt versuchen, die Auszeiten für die Familie im Sommer zu schaffen und das gelingt mir auch ganz gut. Ich habe Gott sei Dank einen sehr sportbegeisterten Chef, der mir viele Freiheiten lässt und mich sehr unterstützt.

Kann man das, was sie machen, eigentlich noch als Hobby bezeichnen?

Ich würde sagen, es ist semiprofessionell. Ich verdiene damit nicht meinen Lebensunterhalt, von daher ist es ein Hobby. Aber man muss schon mit Herzblut dabei sein.

Was wünscht man sich als Schiedsrichter?

Stressfreie Spiele (lacht). Man wünscht sich Spiele, die laufen. Wo man zwar gut zu tun hat, aber wo die Spieler nach der Schlusssirene kommen und sagen, man hätte einen guten Job gemacht. Hat man nicht immer, aber ab und zu sind solche Spiele dabei. Andererseits, wenn es nur solche Spiele gäbe, wäre es auch langweilig oder man hätte keine Herausforderung mehr. Irgendjemand hat mal zu mir gesagt: „Du brauchst auch Spiele, die schlecht laufen, wo du gefordert wirst. Denn nur diese Spiele bringen dich weiter.“

Wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch.

 

 

 

 

 

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