NACHGECHECKT: Kaderzusammenstellung – hüben und drüben

Jetzt, kurz vor dem Ende der Sommerpause, haben die meisten Mannschaften ihren Kader komplett. Alle glauben/hoffen, damit den größtmöglichen Erfolg zu erzielen. Uns interessierte allerdings auch, was man hierzulande vom Expansions Draft Verfahren hält, dass es den Las Vegas Golden Knights (neues Team in der NHL) erlaubte, sich aus allen anderen Mannschaften der nordamerikanischen Liga jeweils einen Spieler für ihren eigenen Kader auszusuchen. Wir haben mal nachgefragt.

 

 

Foto: Grit Büttner
Foto: Grit Büttner

Gehen wir zurück ins Jahr 1979 und zitieren Herb Brooks: „Ich brauche nicht die besten Spieler, ich brauche das beste Team!“ Wir sprachen mit unserem Experten Mannix Wolf wie ein Kader überhaupt zusammengestellt wird und welche Schwierigkeiten zu bewältigen sind: „Im Idealfall kennt man früh seine Schwachstellen im Kader und weiß, was man ändern möchte. Entweder hab ich selber einen Spieler gesehen der zu meinem Team passen könnte oder ein Agent hat mich auf einen Spieler aufmerksam gemacht. Die Agenten und Spielerberater positionieren ihre Spieler und bieten diese nicht nur einem Club an. Hier entscheiden dann viele Faktoren, ob der Wunschspieler zu einem wechseln wird. Am allerwichtigsten ist, dass seine menschliche Art und seine Spielweise zu meinem Team paßt und er in dieser Form benötigt wird. Geld und persönliche Ziele sind natürlich wesentliche Dinge die zu besprechen sind. Man muss davon ausgehen, dass jedes Team eine individuelle Budgetplanung gefertigt hat. Die entscheidende Frage ist daher: Ist der Wunschspieler gewillt dieses Budget, was ja nun mal sein Gehalt darstellt, zu akzeptieren? Aber auch das Leben abseits des Eises ist wichtig. Gibt es Arbeitsmöglichkeiten für die Ehefrau? Wie sieht es mit Schulen und Kindergärten aus? Wer sind die möglichen Mitspieler? Parallel informiert sich natürlich nicht nur das Team über den Spieler, sondern dies geschieht auch andersrum. Der Spieler muss Vertrauen in das Management, den Trainer und das Team haben. Ohne Vertrauen kann man keinen gemeinsamen Erfolg generieren.“

Während üblicherweise die Spieler weitestgehend über ihre Berater und Agenten vermittelt werden, läuft es wenn ein neues Team in die NHL aufgenommen wird anders. In diesem Jahr wurde nach intensiven Prüfungen der Antrag der Las Vegas Golden Knights genehmigt, in der höchsten nordamerikanischen Liga als 31. Team in der kommenden Saison an den Start zu gehen. Besitzer Bill Foley investierte dafür 500 Millionen Dollar. Das Regelwerk der NHL sieht in einem solchen Fall das sogenannte Expansions Draft Verfahren vor. Das bedeutet, jedes Management darf in der eigenen Mannschaft acht Spieler schützen. Von den Spielern, die nicht save sind, konnte sich Manager George Mcphee (Las Vegas) jeweils einen Spieler für sein neues Team aussuchen. Unser Experte Mannix Wolf ist von dieser Verfahrensweise überzeugt: „Die Golden Knights müssen in ihrer ersten Saison in der NHL sofort bestehen. Mit Andre Fleury (Stanley Cup Sieger) im Tor oder James Neal (30 Tore in 2016/17) oder Marc Methot (Verteidigungspartner von Erik Karlssonn aus Ottawa) sind die Knights sofort konkurrenzfähig. Die finanzielle Sicherheit ist gewährleistet. Die Fans gehen ins Stadion und werden tolles Eishockey zu sehen bekommen. Auch wenn manche dieses Verfahren kritisch sehen, darf man nicht vergessen, dass jeder Spieler der NHL eine solche Klausel in seinem Vertrag unterschrieben hat. Und wenn der Erfolg da ist, fragt dort niemand mehr nach Kommerz oder fehlender Tradition.“

Was hält nun ein deutscher Spieler von diesem Vorgehen? Steven Bär stand in den letzten vier Jahren bei den Heilbronner Falken in der DEL2 unter Vertrag und wechselte im Sommer zu den Lausitzer Füchsen. „Ich finde dieses Procedere sehr gut“, meint der 24-Jährige. „Die Teams haben so die Möglichkeit ihre Wunschspieler zu bekommen, was für Teams und Spieler immer eine gute Situation ist. Die NHL ist die beste Liga der Welt, wir schauen uns dort vieles ab. In den letzten Jahren waren das beispielsweise das Hybrid-Icing und die Vergrößerung der Angriffszonen. Warum schauen wir uns nicht auch mal diesen Draft ab? Sicherlich müsste man das für Deutschland bzw. Europa anpassen, aber für die Entwicklung der Ligen, der Teams und besonders der jungen Spieler wäre das eine tolle Sache. Nicht umsonst ist die NHL die beste Liga der Welt und auch die Minor Leagues haben einen sehr, sehr guten Ruf.“

Die Tölzer Löwen müssen als Aufsteiger in die DEL2 in der kommenden Saison eine Klasse höher bestehen. Was hält Trainer Rick Boehm von der NHL-Regelung? „Die Regelung ist vernünftig. Die etablierten NHL-Mannschaften wollen einen Gegner, der interessant und konkurrenzfähig ist. Daher ist es notwendig, ihn auf diese Weise zu unterstützen. Wenn sich der Spieler entscheidet, in der NHL zu spielen, weiß er, dass er getradet werden kann. Er weiß, dass das zum Geschäft gehört und muss es akzeptieren. Der Spieler hat immer im Hinterkopf, dass er schon nächste Woche wo anders sein kann.“ Aber hätte er sich dieses Verfahren auch für seinen Club gewünscht? „Nein“, meint der Löwen-Coach. „Die Gesamtsituation ist eine ganz andere. In der DEL2 gibt es viele Spieler, die aufgrund ihrer familiären oder beruflichen Situation gar nicht wechseln könnten. Für uns würde so etwas nicht in Frage gekommen. Wir setzen daher auf unseren eigenen Nachwuchs, müssen das auch.“ Rick Boehm setzt aber auch auf einen Großteil der Spieler der Aufstiegsmannschaft. Woran macht er fest, dass die Tölzer Löwen auch eine Klasse höher konkurrenzfähig sein werden? „Ganz einfach, weil ich von den Spielern die hier sind überzeugt bin. Sie haben sportlich den Weg in die DEL2 geschafft, sie sind fähig dort auch zu spielen. Mit unseren bisherigen Verstärkungen Andreas Schwarz, Philipp Schlager und Andreas Mechel haben wir gute Unterstützung bekommen. Jetzt schauen wir, dass wir auch in der Besetzung unserer Kontingentstellen erfolgreich sind. Dann sind wir auf alle Fälle konkurrenzfähig.“

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